Platznachbarn am Stadtrand

Die Sportanlage Esp als gemeinsame Heimat des FC Baden und des FC Fislisbach.
«In einer Zeit, wo vielerorts der Rückzug auf die eigene Position propagiert und angetreten wird, sind in …Fislisbach erste und vermutliche entscheidende Schritte zu einer gemeinsamen Lösung gewagt worden. Dafür bedurfte es jahrelanger Bemühungen, und auch bittere Rückschritte mussten in Kauf genommen werden. Die Politik kleiner gemeinsamer Schritte hat in der Region Baden die futuristischen Projekte einer Grossregion Baden der sechziger Jahre abgelöst. Mit diesen Worten begrüsste ein Redaktor des Badener Tagblatts in seinem Kommentar vom Juni 1983 den Entscheid der Stimmbürger der Gemeinde Fislisbach zu einem gemeinsamen Vorgehen mit der Stadt Baden beim Bau einer neuen Sportanlage im Gebiet Esp – und ordnete das Projekt zu gleich in einen grösseren regionalpolitischen Zusammenhang ein. Fünf Jahre später war das Gemeinschaftswerk vollendet. Am 11./12. Juni 1988 wurde der Badener Teil der Sportanlage Esp mit einem Fussballstadion für rund 7000 Zuschauer sowie Rasenplätze offiziell eingeweiht, nachdem der Fislisbacher Bereich mit zwei Rasenspielfeldern, einem Hartplatz und einer Tennisanlage bereits im Jahr zuvor fertiggestellt worden war. Entstanden war eine Sportstätte aus zwei Arealen mit unterschiedlichen Eigentümern, die aber baulich eine Einheit bildete.
Die erste Weiche auf dem Weg zum Sportplatz Esp wurde in den 1960er-Jahre gestellt. Weil es in Baden schon lange an Fussballfeldern mangelte und geeignete Landreserven auf eigenem Boden knapp waren, erwarb die Stadt damals rund sieben Hektar offenes Land im Gemeindebann von Fislisbach. Die am Waldrand gelegene Fläche grenzte unmittelbar an das Täfern-Areal, das mit der Eingemeindung von Dättwil 1961 zu Stadtgebiert und kurz darauf zur Gewerbezone geworden war. Für den FC Baden bot sich damit eine neue Perspektive auf die Zukunft des Vereins. Der Fussballclub, 1897 durch englische Angestellte der Firma Brown Boveri & Cie in Leben gerufen, litt unter prekären Platzverhältnissen. Der Sportplatz Scharten in Wettingen, seit 1921 die Heimat der Badener Fussballer, genügte dem Bedarf an Trainings- und Spielfeldern nicht mehr. Im Dezember 1975 verkaufte der FC Baden den Scharten für knapp zwei Millionen Franken an die Einwohnergemeinde Wettingen, die dem Verein zudem ein unentgeltliches Benützungsrecht für maximal zehn Jahre zugestand.

Angst vor dem grossen Nachbarn
Auch in Badens Nachbardorf im Südwesten genügte die Infrastruktur den Ansprüchen des lokalen Fussballvereins nicht mehr. Die erste Mannschaft des FC Fislisbach, gegründet 1958, spielte in den 1970er-Jahren als Zweitligist auf höherem regionalem Niveau. Als Spielfeld diente ein Fussballplatz im Gebiet Sommerhalde, jenseits des Bahndamms, mitten in der Landwirtschaftszone, mit einem kleinem Neben-Trainingsplatz. Zusammen mit dem Gemeinderat suchte der Verein nach einer besseren Lösung. Eine eigens dafür eingesetzte Kommission prüfte mehrere Varianten eines Standorts für einen neuen Sportplatz, wobei das gemeinsame Projekt mit der Stadt Baden im Esp sich am Ende als beste Möglichkeit herauskristallisierte.
Was in der Rückschau als logisches Ergebnis erscheinen mag, war alles andere als ein Selbstläufer. Dem Bau des Sportplatzes ging in Fislisbach in den frühen 1980er-Jahren ein zähes Ringen voraus. Markus Dort, als damaliger FC-Präsident eine treibende Kraft für das Projekt, erinnert sich: «Das Dorf war in zwei Lager geteilt. Die eine Hälfte unterstütze die Idee, mit Baden zusammenzuarbeiten, die andere Hälfte war dagegen.» Bei den Gegner war insbesondere die Befürchtung verbreitet, Dorf und Verein würden neben der Stadt ihre Eigenständigkeit aufs Spiel setzen. «Es gab Leute, die mich als Verräter bezeichneten und prophezeiten, neben dem FC Baden würde der FC Fislisbach keine fünf Jahre überleben», sagt Dort. In Teilen der Dorfbevölkerung machten sich alte Ressentiments gegenüber dem grossen Nachbarn bemerkbar. Die Diskussion über die Bildung einer Regionalstadt, also einer politischen Verschmelzung der Agglomeration Baden, die in der Planungseuphorie der 1960er-Jahre aufs Tapet gekommen war, hatte ihre Spuren hinterlassen. 1964 hatte die Fislisbacher Gemeindeversammlung den Antrag eines Initiativkomitees, mit der Stadt Baden Verhandlungen über eine Eingemeindung aufzunehmen, im Verhältnis zwei zu eins abgelehnt. Vor diesem Hintergrund ist auch der Bericht des Badener Tagblatts über die in der Sportplatz-Frage wegweisende Gemeindeversammlung 1983 zu lesen. Der Redaktor bemerkte süffisant und mit Ausrufezeichen, einer der Redner habe «beim Gedanken, dass dereinst Badener Polizisten bei Grossanlässen den Verkehr im Esp regeln könnten, geradezu eine Gefährdung der Fislisbacher Gemeindeautonomie!» gesehen. Ein anderer Votant hingegen zeigte sich überzeugt, mit einer Zustimmung könne die Zusammenarbeit mit der Stadt Baden auf eine neue Basis gestellt werden, was für die Zukunft beider Gemeinden von Bedeutung sei.

«Regionales Verständigungswerk»
Obwohl die Gegner ihre Position noch einmal deutlich klarmachten, fiel der Entscheid zugunsten der Sportanlage Esp mit einem Stimmenverhältnis von 287 zu 135 deutlich aus. In der Festschrift zum 800-Jubiläum des Dorfs 1984 hielt der Fislisbacher Gemeindeammann Beat Peterhans fest, mit dem «denkwürdigen Beschluss» für den Sportplatz Esp habe die Gemeinde «einen wichtigen Schriftt für eine gesunde sportliche Entwicklung» der Jugend getan. In einem früher Projektstadium waren die Abstimmungen ungleich knapper ausgefallen und hatten unter anderem im Auftrag an den Gemeinderat resultiert, in den Vertragsverhandlungen mit der Stadt Baden, bei denen es um die Anpassung der Zonenordnung und einen Landabtausch im Gebiet Esp ging, für Fislisbach noch bessere Konditionen herauszuholen. Stadtmann Victor Rickenbach, der für Baden die monatelangen Verhandlungen führte, meinte rückblickend, der Vertrag sei für Baden hart, aber annehmbar. Fislisbach habe seine Interessen konsequent, aber fair vertreten. Damit war nun auch für Baden der Weg zum Esp geebnet. Am 30. Juni 1985 bestätigten die Stimmbürger einen klaren Entscheid des Einwohnerrates und segneten einen Baukredit in der Höhe von knapp 6,2 Millionen Franken ab. Wenige Tage zuvor war die erste Mannschaft des FC Baden überraschend in die höchste Schweizer Spielklasse, die Nationalliga A, aufgestiegen – für ein Jahr, wie sich in der folgenden Saison zeigen sollte. In Baden war das «regionale Verständigungswerk», wie es ein Leitartikel des Tagblatts im Vorfeld der Abstimmung bezeichnete, kaum umstritten. Einzelne Stimmen lehnten das Projekt, das gegenüber früheren Plänen redimensioniert worden war, aus finanziellen Gründen ab, andere forderten eine stärkere finanzielle Beteiligung des FC Baden. Der Klub leistete aus dem Erlös des Sportplatzes Scharten einen Beitrag von einer Million Franken an die Baukosten und verpflichtete sich, zehn Prozent der Ticketeinnahmen an die Stadt abzuliefern. Gleichzeitig erhielt der Verein unbefristetes Benützungsrecht für einen Klubraum mit Neben- und Lagerräumlichkeiten. Doch nicht nur der Fussball profitierte von der neuen Anlage: Während auf Fislisbacher Seite der Tennisclub seine Heimat fand, wurde im Keller des Badener Tribünengebäudes eine Druckluft-Schiessanlage realisiert, welche von den Badener Stadtschützen betrieben wird.

 

Getrennt gemeinsam
Inzwischen sind der FC Baden und der FC Fislisbach im Esp seit rund 30 Jahren nachbarschaftlich miteinander verbunden. Obwohl beide Vereine eigenständig funktionieren, besteht eine Zusammenarbeit in mehrfacher Hinsicht. Das beginnt bei Brigitte Wenger. Früher Wirtin im Badener Stadionrestaurant, führ sie heute die Klubbeiz des FC Fislisbach und daneben die zentrale Wäscherei des FC Baden. In der Hauptsaison verbringt sie oft weit über 40 Stunden pro Woche im Esp. «Die Vereine pflegen ein gutes Verhältnis untereinander», sagt Wenger, die in ihrer Gartenwirtschaft auch viele Gäste vom FC Baden bewirtet. Gehen den Badener Grilleuren die Cervelats aus, kommen sie zu ihr – ist der Fislisbacher Rivella-Vorrat erschöpft, läuft es umgekehrt. Aber nicht nur in der Gastronomie gilt: «Man hilft sich gegenseitig aus.»
Der Parkplatz wird gemeinsam genutzt, die Fussballplätze getrennt. Wenn es die Auslastung erlaubt, gibt es aber auch hier Ausnahmen. «Um den Sandplatz des FC Fislisbach waren wir schon oft froh, wenn unser Rasen in Regenperioden nicht benutzbar war», sagt Thomi Bräm, der Präsident des FC Baden. Seit dem Einbau des Kunstrasens im eigenen Stadion im Jahr 2011 hat sich letzteres Problem allerdings entschärft. Dafür kann Fislisbach für ein Training auf Kunstrasen oder ein Schülerturnier auch mal die Badener Infrastruktur nutzen. Und der FC Fislisbach macht wiederum mit, wenn der FC Baden im Rahmen seines Afrikaprojekts alte Bälle, Schuhe oder Dresses für die Kapverdischen Inseln sammelt. Ohnehin eng zusammengearbeitet wird beim Unterhalt der Anlagen, der zum Aufgabenbereich der Gemeinden gehört. Dass der Sportplatz nicht im eigenen Bann liegt, ist für die Stadt Baden kaum mehr von Belang. «Wir sind sehr glücklich mit dieser Anlage», sagt Kaspar Blaser, der bei der städtischen Abteilung Liegenschaften für das Esp verantwortlich ist. «Die Gemeindegrenze sorgt für einen kleinen administrativen Mehraufwand, doch die Zusammenarbeit verläuft problemlos.»

Team Limmattal: Kooperation im grösseren Verbund
Brigitte Wenger wäscht in den Badener Maschinen nicht nur die Trikots des Stadtvereins, sondern auch jene des FC Fislisbach – und die des Team Limmattal. Dieses wiederum stellt die engste Kooperation der beiden Vereine dar. In dieser Gruppierung, so die offizielle Bezeichnung des Fussballverbands, werden seit 2004 die talentiertesten Nachwuchsspieler bis zum Alter von zwölf Jahren aus verschiedenen Klubs aus der Region gemeinsam gefördert. Die Junioren bleiben zwar Mitglied in ihrem Stammverein, trainieren und spielen aber in einer klubübergreifenden Mannschaft. Das Ziel ist es, ambitionierte junge Spieler auf die Badener FE-14-Mannschaft und weiterführende Auswahlteams vorzubereiten. Neben dem FC Baden, der die führende Rolle innehat, und dem FC Fislisbach, ist im Team Limmattal mit dem FC Kappelerhof auch der dritte Verein mit dabei, der im Esp beheimatet ist. Weiter Mitglieder sind aktuell der FC Obersiggenthal, der SV Würenlos und der FC Neuenhof.
Verlieren die kleineren Vereine damit nicht ihre besten Talent an den grossen Nachbarn baden? Priska Meyer-Haslimeier, Präsidentin des FC Fislisbach winkt ab: «Von dieser Zusammenarbeit profitieren beide Seiten», sagt sie. «Unser Verein ist ganz klar auf Breitensport ausgerichtet, während der FC Baden eine starke Leistungssportabteilung hat. Für einen Trainer ist es zwar nicht immer einfach, die besten Spieler aus der eigenen Mannschaft abzugeben. Dank der Kooperation mit dem Team Limmattal und dem FC Baden können wir unseren Kindern die Möglichkeit bieten, auf einem höherem Niveau zu spielen.»
Im Gegenzug profitiert der FC Fislisbach davon, dass viele Spieler, die in einer Regionalauswahl oder beim FC Baden weiter ausgebildet wurden, in den Vereinen zurückkehren – noch als Junioren oder zu einem späteren Zeitpunkt.

Ungleiche Nachbarn
Die Unterschiede zwischen dem FC Baden und dem FC Fislisbach sind gering was die Anzahl Teams respektive Spielerinnen und Spieler angeht. Beide Vereine haben im Jahr 2017 rund 150 Aktive und 350 Junioren in ihren Reihen. Dass der Stadtverein professioneller aufgestellt ist, lässt sich am jährlichen Budget ablesen: Mit rund einer Million Franken ist es ungefähr fünfmal so hoch wie das des Nachbarn. Der Dorfverein ist dafür, wie Klubwirtin Brigitte Wenger feststellt, trotz seiner beträchtlichen Grösse familiärer geblieben als der städtisch geprägte und stärker leistungssportorientierte FC Baden. Doch ob Baden oder Fislisbach – um den Ball dreht sich das Vereinsleben an beiden Orten. Und dies manchmal so sehr, dass es jemanden wie die schlagfertige Wenger braucht, um alle Stars wieder auf den Boden zu holen. «Fussballer sind ein Menschenschlag für sich», sagt sie liebevoll.

Im Stadion des FC Baden ist über die Jahre wiederholt zu fussballerischen Schlagerpartien gekommen, etwa mit Cup-Partien gegen Super-Ligisten wie den FC Zürich oder den FC St.Gallen. Ein Höhepunkt in der Geschichte des Esp war zudem das Länderspiel des Schweizer Frauen-Nationalteams gegen Deutschland, das beiderseits im Staatsfernsehen live übertragen wurde. Reizvoll für beide Seiten ist es jedoch steht auch, wenn der Ball – auf welcher Stufe auch immer – im nachbarschaftlichen Duell zwischen Baden und Fislisbach rollt. Bei aller Freundschaft ist auf dem Spielfeld eine gesunde Rivalität geblieben. «Wenn wir ein Badener Team schlagen können, gibt es bei uns immer ein Fest», sagt Markus Dort, Ehrenpräsident des FC Fislisbach – mit einem Augenzwinkern.
Und was wird die Zukunft bringen? Könnte die nachbarschaftliche Verbundenheit noch verstärkt werden – vielleicht sogar bis zu einer Fusion? FC Baden-Präsident Thomi Bräm zeigt sich offen: «Es lohnt sich sicherlich, regelmässig zu überprüfen, wo eine Zusammenarbeit Sinn macht», sagt er. An eine baldige Verschmelzung glaubt er aber nicht: «Ich bin der Überzeugung, dass ein Zusammenschluss erst geprüft und möglich werden kann, wenn er durch eine Gemeindefusion vorgespurt wird.