Lobeshymne auf die Unabsteigbaren

lob

Für den Traditionsverein geht es im letzten Saisonspiel einmal mehr um alles. Eigentlich hat der FC Baden längst Kultstatus verdient, denn er hat alles, was es dazu benötigt. Nur bemerkt das fast niemand.

Baden: Das ist Leiden mit Happy-End. Mit der Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks. Die Szenen ähneln sich Jahr für Jahr. Frohen Mutes wird die neue Saison in Angriff genommen, im Glauben aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Doch man irrt. Das Prozedere ist mittlerweile eingeübt. Ungefähr Mitte Saison gilt es das zweite Opfer zu beklagen. Der Trainer wird wegen Erfolglosigkeit ausgewechselt. Zuvor wurde bereits das Kader einmal mächtig umgekrempelt. In der zweiten Saisonhälfte erfährt die Mannschaft in der Regel zwei weitere Reorganisationen. Die Methode hat sich bewährt. Seit 1982 spielt der Traditionsverein in der zweithöchsten Liga, ein Jahr war er sogar erstklassig. Das Saisonfinale verspricht meist Höchstspannung und meist geht es um den Abstieg. Leiden und Leidenschaft gehören untrennbar zusammen. In Baden bestätigt sich das an jedem Spieltag in jeder Saison aufs Neue. Und das ist es, was den Fussball interessant macht. Nur wer die Tiefen kennt, vermag den Erfolg zu schätzen. Die Schmerzgrenze eines Baden-Fans muss hoch sein, der Leidensdruck ist enorm, doch den Lohn dafür gibt’s – Ausnahmen bestätigen die Regel – am letzten Spieltag, wenn der FC Baden einmal mehr seine Unabsteigbarkeit beweist.

Auffangbecken für jedes Temperament
Einem Fussball-Fan bieten sich verschiedene Alternativen. Er kann Anhänger eines Serienmeisters sein, doch diese Lösung ist ebenso fantasie-, wie mutlos. Das Geschehen um einen Verein im Mittelfeld ist dagegen von wenig Emotionen begleitet. Nur am Tabellenende, da geht es um Sein oder Nichtsein, ums nackte Überleben. Da bietet sich jedem Temperament ein Auffangbecken. Der Choleriker(davon gibt’s im Fussball viele) kann seinen Unmut lauthals loswerden. Der Sanguiniker darf alles schönreden. Der Melancholiker pflegt seine Depression und der Phlegmatiker gibt sich ohnehin mit jedem Zustand zufrieden.
Der FC Baden, das ist der kleine Verein mit dem kleinen Budget, der stets um sein Überleben kämpft – sportlich wie finanziell. Baden, das ist eigentlich der FC St.Pauli der Schweiz. Ein Kultklub. Nur bemerkt das hierzulande fast niemand. Dass in dieser schweren Saison zu gewissen Spielen nur 67-95 zahlende Zuschauer den Weg ins Esp fanden, ist fast schon ein Skandal. Wer einmal den Sonnenuntergang vom Standpunkt gegenüber der Haupttribüne verfolgen konnte, weiss, in welchem Schmuckstück der FC Baden seine Spiele austrägt. Allein deshalb lohnt sich der Weg ins Esp. Und wer entgegnet, das Stadion liege ihm nicht zentral genug («auf dem Scharten war alles besser»), der bedenke, dass in einer anständigen Grossstadt, der Weg vom Parkhaus zur Tribüne beschwerlicher ist als in Baden von einem Stadtende zum anderen.

Daumendrücken im Wallis
Doch die unvergleichliche Aufholjagd in der Rückrunde hat Bewegung in die Sache gebracht. Die beiden letzten Heimspiele verfolgten über 1000 Zuschauer. Und der FC Baden erhält Sympathiebekundungen aus dem ganzen Land. Im Internet-Forum der FCB-Fans stellt sich inzwischen die Frage, weshalb der Verein auf einmal überall so beliebt ist, und daneben finden sich Einträge in schwer lesbarem Walliser-Dialekt, die im Abstiegskampf alles Gute wünschen. Auch wer bei Halbzeit und nach Spielschluss das Resultat an die Sportagenturen weiterleitet, bemerkt: da wird mitgelitten. Bei Punktgewinn herrscht Freude, bei Niederlagen Frust. Offenbar war die aussichtslose Lage bei Saisonhälfte doch für etwas gut: Der FC Baden geniesst auf einmal Aufmerksamkeit und Unterstützung.

Ein neuer Saisonrekord
An diesem Samstag wird es wieder einmal so weit sein. Und eigentlich ist es wie immer. Hinter der Haupttribüne geht die Sonne unter. Und für den FC Baden geht es am letzten Spieltag um den Klassenerhalt. Nichts weniger als die Unabsteigbarkeit steht auf dem Spiel. Zu Gast ist der Nachbar aus Wohlen. Irgendwann in der zweiten Halbzeit wird die Zuschauerzahl bekannt gegeben, es gilt einen neuen Saisonrekord zu notieren. Baden: Das ist Leiden mit Happyend.